Sonntag, 16. Juli 2017

Der Fahrstil ist der Spiegel des Charakters

Freie Fahrt ist ein Menschenrecht, zumindest scheint das so mancher Zeitgenosse zu glauben. Bild: Der Hausen
Es gibt wahrscheinlich kaum einen Bereich unseres täglichen Lebens, in dem sich die Verfassung eines Menschen so deutlich widerspiegelt, wie bei der Teilnahme am Straßenverkehr. Da werden schüchterne Zwerge zu Supermännern und brave Hausmütterchen zu gnadenlosen Furien wenn die freie Fahrt behindert wird. Die freie Fahrt als Grund- oder Menschenrecht, das scheinen viele Menschen längst verinnerlicht zu haben.

Dabei ist das alles ja durchaus gewollt. Die Autoindustrie verkauft schließlich keine Fortbewegungsmittel, sie verkauft Emotionen und Image. Für jeden ist das passende Image dabei. Soll es vielleicht konservativ und luxuriös sein, sportlich bis aggressiv oder unkonventionell spannend und durchzugsstark? Je teurer und fetter die Karre, desto überlegener fühlt sich der Fahrer anderen Verkehrsteilnehmern. Dass viele dieser Autos nur geliehen oder auf Pump finanziert wurden, spielt für den Augenblick scheinbar keine Rolle.

Immer wieder erlebe ich, dass Verkehrsteilnehmer ganz fest daran glauben, das die Attribute und das Image ihrer dicken PS- strotzenden Fahrzeuge ganz und gar auf den Fahrer überzugehen scheint. Versteht mich nicht falsch, ich bin nicht neidisch und ich gönne jedem sein Auto. Ein wenig mehr Realismus wäre nur schön. Wie schnell fühlt der einsfünfundsechzig große Büroangestellte sich, als sei er der Hulk der Straße, nur weil er einen Audi S6 fährt. Wie oft wird die nette Oma von nebenan zur wütenden Gifthexe, weil sie in ihrem beschränkten Universum der Meinung ist, Vorfahrt zu haben?

Dabei kann sich niemand ausnehmen, auch ich nicht. Zwar mache ich mir ständig und immer wieder bewusst, dass mein Fahrverhalten den professionellen Anforderungen an meinen Beruf gerecht werden muss, dennoch erwische ich mich dann und wann dabei, schnell noch mal an einem Kollegen vorbeizuhuschen oder bei sonnigen Grün noch die Ampel zu passieren. 

Das Fahren an sich ist ein hoch komplexer psychologischer Vorgang der von unglaublich vielen Faktoren gleichermaßen beeinflusst wird. Die jeweilige Tagesform, persönliche Hochs und Tiefs, Stress, Wut, Überforderung und nicht zuletzt der gesundheitliche Zustand sind nur die Spitze des Eisbergs, der unser Fahrverhalten beeinflusst.

Aber kommen wir zu dem Faktoren zurück, die man beeinflussen kann. Etwa darauf zu achten, das eigene Selbstwertgefühl nicht über das Fahrzeug zu definieren, das man gerade fährt. Dazu gehört natürlich ebenso, dass man Menschen in kleineren oder günstigeren Fahrzeugen nicht herabstuft. 

Merke: Ein großes und leistungsstarkes Fahrzeug fahren zu können zeigt sich nicht dadurch, dass man möglichst rücksichtslos und rabiat durch den Verkehr donnert, und an jeder möglichen und unmöglichen Stelle Vollgas gibt, das kann jeder Doofe. Ein großes und leistungsstarkes Fahrzeug fahren zu können zeigt sich vor allem dadurch, mal nicht auf das Gas zu treten, auch wenn man es mal könnte, rücksichtsvoll und umweltbewusst zu fahren und anderen Verkehrsteilnehmern die gleichen Rechte einzuräumen, wie man sie für sich selbst beansprucht.


So, und nun hoffe ich, dass der geltungssüchtige türkische Milchbubi mit dem kleinen Penis, der in Remscheid mit seinem E 630 AMG herum donnert wie ein Vollidiot um dieses Manko zu kompensieren, diese Zeilen auch liest.

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